Frankfurter Neue Presse: Handschlag für Verständigung

30.01.2007

Frankfurt. Als William Timken, US-Botschafter in Berlin, erzählt, zusammen mit seiner Frau Sue habe er sechs Kinder und sieben Enkelkinder, geht ein überraschtes, aber wohlwollendes Raunen durch das muslimische Publikum in der Merkez-Moschee. Der Diplomat traf gestern im Gotteshaus der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (DiTiB) auf 28 Schülerinnen und deren Eltern aus dem Rhein-Main-Gebiet. Die Mädchen haben sich für eine Teilnahme an dem Austauschprogramm „Windows on America“ beworben, das sie in den kommenden Osterferien auf eine 14-tägige Reise in die USA führen wird.

„Ich komme aus ärmeren Verhältnissen und hatte nie die Gelegenheit, nach Europa zu kommen, bis ich meinen Mann getroffen habe“, sagte Sue Timken, die Initiatorin des Projekts. „Deshalb wollen wir in den nächsten drei Jahren 300 deutsche Schüler mit Migrationshintergrund in die USA schicken.“ Zehn Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren werden am 2. April nach Boston fliegen, um dort ein Kultur- und Bildungsprogramm zu absolvieren. Die Mädchen leben bei einer muslimischen Familie, bevor sie New York City und die Hauptstadt Washington, D.C. besuchen. Das Programm wird über Firmen-Spenden finanziert.

„Durch das Fernsehen und die Musik haben wir bereits ein bestimmtes Bild von Amerika“, sagt Selma (17) vom Goethe-Gymnasium. „Mich interessiert, wie die amerikanische Kultur nun wirklich ist.“ Auch ihre 16-jährige Freundin Nurgül von der Schillerschule freut sich auf die Zeit in den USA: „Ich bin besonders neugierig auf die Politik. Wir hatten amerikanische Austauschschüler zu Besuch in unserer Schule. Da habe ich das erste Mal realisiert, dass es auch Amerikaner gibt, die George W. Bush nicht mögen.“ Doch noch ist es nicht so weit. Für ein Auswahlverfahren mussten die Schülerinnen einen Essay in englischer Sprache verfassen, der nun von Sue Timken und anderen Botschafts-Mitarbeitern bewertet wird.

DiTib-Organisatorin Gonca Aydin sagte, für die Schülerinnen sollten bevorzugt muslimische Familien in den USA gefunden werden. „Für eine christliche Familie könnte unser religiöser Tagesablauf vielleicht etwas belastend sein. Die Mädchen sollen gerade das muslimische Leben in den USA, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede, kennenlernen.“

Bei dem Treffen zwischen Mitgliedern der Gemeinde und dem Botschafter ging es gestern aber nicht nur um das Austauschprogramm selbst, sondern auch um die feinen Nuancen der Diplomatie nach den Anschlägen des 11. September. „Präsident Bush hat mir gesagt, es gebe kein Problem zwischen den USA und dem Islam, sondern nur mit den Menschen, die den Islam für ihre gewalttätigen Zwecke missbrauchen“, sagte Timken während des offiziellen Begrüßungs-Essen, bei dem türkische Spezialitäten wie Kuskus und Zigarren-Börek, eine Teigrolle, gereicht wurden. „Ich kann verstehen, dass sich viele Muslime durch Medienberichte falsch verstanden fühlen.“ Das gehe der amerikanischen Bevölkerung ja manchmal auch nicht anders. Irfan Dinc, Vorsitzender der DiTib in Frankfurt sagte, als er das erste Mal von dem Projekt gehört habe, habe er sich nur gefragt: „Warum gerade Amerika“. „Doch als ich erfahren habe, dass die Schirmherrschaft der Botschafter übernimmt, habe ich das sofort als einen weiteren Schritt für den interreligiösen und kulturellen Dialog gesehen.“

Etwas zurückhaltend zunächst, lockerte sich das Gespräch schließlich nicht durch die feine Kunst der politischen Diplomatie, sondern durch den türkischen Charme von DiTib-Mitglied Hüseyin Kurt: „Frau Timken, Sie sehen aus wie eine 18-Jährige“, sagte er. Botschafter Tinken nahm es mit Humor.

Von Patricia C. Borna

Frankfurter Neue Presse vom 30.01.2007

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