Badische Zeitung: Eine einmalige Chance
30.04.2008USA-Austausch speziell für Hauptschüler soll Vorurteile abbauen
In Amerika sind die Leute dick, ultrareligiös und finden, dass Krieg eine gute Sache ist – um solche Vorurteile über die USA abzubauen, hat US-Botschafter William Timken 2006 das Schüleraustausch-Programm “Windows on America” ins Leben gerufen. Das Besondere: Auch Hauptschüler sollen die Chance bekommen, die USA besser kennenzulernen. Normalerweise haben vor allem Gymnasiasten diese Möglichkeit. Zehn Schüler der Emil-Gött-Schule in Zähringen starten am 8. Mai ihr Abenteuer Amerika.
Die zwölftägige Reise wird komplett von der US-Botschaft bezahlt. Zuerst geht’s nach Washington. Dann kommen die Schüler für fünf Tage in Gastfamilien in Charlotte (North Carolina). Dort werden sie auch die Highschool besuchen. Zum Schluss fliegen die Jugendlichen nach New York. “Ich will unbedingt Ground Zero sehen”, sagt der 15-jährige Hogir Sevgen.
Die Vorurteile sind groß bei den Jugendlichen: “Man darf seine Meinung über den Präsidenten nicht offen sagen, und man darf in die Schule kein knappes Top anziehen”, glaubt die 15-jährige Mimoza Duraku. Die 16-jährige Adriana Heisler denkt, dass “amerikanische Jugendliche immer nur zu Hause sitzen und lernen”. Über die realen kulturellen Unterschiede haben die Jugendlichen in einem Vorbereitungsseminar mehr erfahren. “Man hat uns dort gesagt, wir sollen die Pille nur heimlich nehmen, weil viele Familien so religiös sind”, berichtet Nadine Araujo-Dinis. Sie hat schon mit ihrer Gastfamilie Kontakt gehabt und Fotos ausgetauscht. Die 15-jährige hat einen guten Eindruck und freut sich vor allem darauf, in Charlotte vielleicht einen “echten” Gospelchor in einer Kirche zu sehen. Kai Leopold ist gespannt auf die Highschool, “weil bestimmt alles anders ist als bei uns”, sagt er.
Die Emil-Gött-Schule und eine Hauptschule in Tübingen sind die einzigen, die in Baden-Württemberg für “Windows on America” ausgewählt wurden. Um die zehn Plätze haben sich 15 Schüler beworben. Für die Bewerbung mussten die Jugendlichen auf Englisch einen Aufsatz über ihre Erwartungen an den Austausch schreiben. “Das ist eine einmalige Chance. Die wollte ich unbedingt ergreifen”, sagt Mimoza Duraku. Ihre Eltern unterstützen sie dabei. Viele andere hätten Vorbehalte gehabt und den Kindern sogar die Bewerbung verboten, sagt Englischlehrer Fabian Vogt, der mit in die USA fliegen wird. “Dabei wird das eine Wahnsinnserfahrung”, glaubt er.
Hogir möchte Kontakte knüpfen und nach der Schule vielleicht länger in den USA leben. So geht es auch Nadine. Sie kann sich vorstellen, für ein Jahr als Au-Pair-Mädchen dort zu arbeiten.Verständigungsproblemen sehen die Jugendlichen entspannt entgegen, wollen zur Not mit Händen und Füßen reden. Auch dass sie zum ersten Mal richtig weit weg von zu Hause sind, sehen die meisten locker. Nur Marlene Plantier gibt zu: “Ich werde wahrscheinlich Heimweh bekommen.”
Von Verena Schwald
Badische Zeitung vom 30.04.2008
